Lambrusco hat das Zeug zum Revival

Einst geliebt, dann vergessen und heute unterschätzt

Einst war Lambrusco das, was heute Prosecco, Aperol Spritz oder Hugo sind: ein populäres Apero-Getränk. Inzwischen ist der rote Schäumer aus Italien fast vergessen. Zu Unrecht?

Weinkennerschaft: das ist das kritisches Beäugen und analytisches Verkosten – der Genuss bleibt dabei oftmals auf der Strecke. Etwa so wie bei einem verwöhnten Liebhaber: Der Gaumen liebkost zwar den Wein, analysiert ihn aber auch immer sogleich. Wir entspannen und geniessen nicht unbeschwert. Darüber hinaus lassen wir uns auch noch von Punkten, Bewertungen oder Berichten beeinflussen. Und dann diese Vorurteile! Eines geht so: in den siebziger Jahren gab es in Europa einen pinkfarbenen, süsslichen Saft, der zu praktisch allem getrunken wurde: Lambrusco. Heute ist Lambrusco jedoch kaum mehr auf Weinkarten zu finden. Warum?

Klar ist: die Geschmäcker haben sich weiterentwickelt. Doch auch der Lambrusco hat sich verändert. Der Saft aus der Emilia-Romagna (wo auch der Aceto balsamico herkommt) versucht sich, langsam aber stetig, dem verwöhnten Gaumen anzupassen.

Es gibt etwa sechzig verschiedene Variationen dieser Traubensorte. Sie wird auch noch in der Lombardei und in kleinen Mengen in Südtirol angebaut. Auch Argentinien versucht sich, zumindest in geringen Mengen, damit.

Auf der Suche nach Weintrends - wird Lambrusco einer ?Auf der Suche nach Weintrends - wird Lambrusco einer?

Mozart statt Bubblegum

Lambrusco ist, Trend hin oder her, sehr alt. Bereits in der römischen Antike wird der Sprudelwein erwähnt. Das Prickelnde im Lambrusco wurde ursprünglich dadurch erzeugt, dass er noch gärend abgefüllt wurde. Die Gärung setzte sich in der Flasche fort und erzeugte die Bubbles. Die Hefe blieb als Depot in der Flasche. Heutzutage wird der grösste Teil in Tanks durchgegoren. Dann setzt man ein bisschen Hefe und Most dazu und startet eine zweite Gärung – genau wie beim Sekt.

Zwar sind wohl noch immer neunzig Prozent des roten Schaumweines mit Vorsicht zu geniessen. Es lohnt sich aber, die restlichen zehn Prozent zu entdecken.

Meine Entdeckung: der „Ciocapiàt“ von Daniele Malavasi von der gleichnamigen Cantina Malavasi in der Provinz Mantova in der Lombardei.

Das Weingut, das mittlerweile seit vier Generationen im Besitz der Familie Malavasi ist, hat sich dem nachhaltigen Weinbau verschrieben, um die Qualität der Weine zu garantieren und die Verwendung von Schwefeldioxid zu reduzieren. Nur so können die Farbe, der Geschmack und der Geruch der Weine überzeugen – und der „Ciocapiàt“ überzeugte mich sehr.

Die Trauben wurden von Hand geerntet und zeigen sich im Glas  dunkel und komplex. Himbeeren und traubige Aromen entfalten sich. Einzig der süsse Kirschenduft erinnert noch ein bisschen an Sirup – aber ein bisschen Nostalgie kann nicht schaden. Im Mund ein Zauberwerk von frischer Frucht, Charakter und Tiefe.

Malavasi Lambrusco Ciocapiàt

Leonard Cohens Lied «Waiting for the Miracle» bringt es auf den Punkt: «The Maestro says it’s Mozart but it sounds like bubble gum. When you’re waiting for the miracle, for the miracle to come.» Im Falle des Lambrusco ist es – hat man einen guten erwischt! – genau umgekehrt: Man erwartet Bubblegum und bekommt Mozart.

Der „Ciocapiàt“ hat mit 11 Volumen Prozent einen eher geringen Alkoholgehalt und passt, wenn eiskalt und aus grossen Rotweingläsern getrunken, fast zu allem. Ich trank ihn beispielsweise schon zu Kokosnuss-Gelato, Bohneneintopf, Knoblauchbrot, Pizza und Ratatouille. Natürlich ist er auch für sich alleine ein Genuss.

Auch für die Augen ist der „Ciocapiàt“ ein Schmaus. Die Flasche pechschwarz, das Design minimalistisch, elegant und modern.

Ein schönes Geschenk an Freunde, welche sich mit Wein auskennen – oder zumindest so tun. Anhand ihrer Reaktion werden Sie erfahren, wie weit es mit deren Weinwissen wirklich ist.

Der neuen Generation von Lambrusco ist durchaus zuzutrauen, erneut ein Trendgetränk zu werden. Der derzeit unterschätzte „shade of red“ ist ein Getränk, um die Leichtigkeit des Seins zu feiern: keine Vorurteile, kein önologisches Geschwätz – nur Dolce Vita!

Über die Autorin Shirley Amberg

Shirley ist in Zürich geboren und ein Cuvée aus Schweizer, Südafrikanischem, Österreichischem und Englischem Blut. Das schweizerische Blut ist wohl für Struktur und Basis verantwortlich und das südafrikanische sorgt sich um Harmonie und Leidenschaft. Das österreichische gibt dem ganzen Charme und Heiterkeit und das englische kümmert sich darum, dass sie ihren Horizont offen hält und ihre Neugierde durstig bleibt. Bevor sie ihre Leidenschaft zum Beruf machte, war sie im Investment Banking tätig. Auf Ihrer Webseite Shirleyamberg.com schreibt sie über Ihre Tastings und Publikationen zum Thema Wein.

Instagram: @shirley_amberg
LinkedIn: shirley-ann-amberg-26502396


5 Kommentare


  • Sabrina Rossetti

    Als gebürtige Italienerin aber besser gesagt Ferrarese bin immer sauer geworden als ich schlecht Kommentare über das Lambrusco hörte; aber zum Glück hat er in die letzten Jahre ganz viele neue Liebhaber gefunden und wird wieder als Wein erkannt und da blutet mein Herz vor Freude 🥰
    Lambrusco ist ein toller Essens Begleiter, der wunderbar mit typischen regionales Essen passt wie Cappellacci di Zucca, Salame, Cotechino aber auch super zum Dessert wie unsere “Brazadela” (trockener großes Keks).
    Für mich ist Lambrusco einen leben Begleiter und darf nicht zu Hause fehlen, noch mehr in die Feiertage.


  • Markus

    Probiert, überrascht, gekauft. Wir haben den Lambrusco zu mittelaltem Parmesan getrunken, das hatten wir als Tipp gelesen. Sehr zu empfehlen, auch einfach mal zwischendurch.


  • Marco Raengo

    It is nice to see qualified tasters who analyze a wine in its historical, cultural and customs meanings.
    Shirley Amberg’s comment goes even further (also linked to her multifaceted culture) and proposes the effort of new trends capable of synthesizing the value of a wine interpreted in today’s tastes.
    Really Ciocapiàt is original and intriguing, capable of conquering lovers of tradition but captivating those looking for a simple and not binding pleasure. Original and unique. To try!


  • andrea bombardi

    Dieser elegante Wein mit seinem süßen Teil und den Blasen, die in meinem Haus nie zu übersehen sind, eine Reise in die Echtheit der emilianischen Landschaft, die in jedem Moment am Gaumen wahrgenommen wird, wenn man ihn trinkt. Sehr zu empfehlen als Geschenk, aber auch für einen guten Abend Küche kombiniert mit natürlichen und lokalen Lebensmitteln


  • Andrea Vestri

    Lambrusco ist ein vielfältiges Getränk, denn er kann als Aperitif, Essensbegleiter und Dessertwein eingesetzt werden. Als Aperitivo kennen die Meisten, da er vor einigen Jahren von Studenten und Partyleute zu Unmengen konsumiert wurde. Leider nicht die besten Qualitäten. Aber als Essensbegleiter eignet er sich sehr gut, denn er passt zu vielen Gerichten, besonders zu schwer- und fetthaltiges Essen wie z. B. Cotechino (Rohwurst aus Schweinefleisch), Zampone (gefüllter Schweinsfuß), Mortadella, Salami, Tortellini gefüllt mit Fleisch etc. Alle Gerichte aus der Region Emilia-Romagna, da wo auch der Lambrusco ansässig ist. Durch die für ihn typische Charakteristik; Säure und Gerbstoffe gepaart mit einem niedrigen Alkoholgehalt kann man Lambrusco ohne Bedenken auch zum Mittagessen trinken. Die Italiener trinken ihn gerne mittags, denn er ist leicht und macht nicht müde. Nicht zu vergessen, die Spezialitäten Cotechino und Zampone sind typische Gerichten, die vor allem am Silvester aber auch an Weihnachten und Neujahr gegessen werden und dazu wird Lambrusco serviert. Also er passt sogar zu besondere Anlässe. Genauso zu bestimmte Dessert mit roten Früchten, Beeren oder auch zu einem Erdbeeren Sorbet. Alla salute. Euer Andrea Vestri


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